Spielzeugfreie Zeit – Was hat es damit auf sich?

Spielzeugfreie Zeit

Kinder spielen nicht nur einfach so gerne, es ist auch wichtig für ihre Entwicklung. Mit dem richtigen Spielzeug können dabei verschiedene Aspekte dieser Entwicklung gezielt gefördert werden. Dennoch hört man immer wieder von der spielzeugfreien Zeit. Hier wird auf Spielzeug komplett verzichtet.

Wir möchten dir erklären, was es damit auf sich hat und was die Hintergründe dieser Bewegung sind, und Impulse geben, ob und wie du es (im Kleinen) auch bei dir zuhause umsetzen kannst.

Was ist die spielzeugfreie Zeit?

Die spielzeugfreie Zeit, auch spielzeugfreier Kindergarten genannt, ist ein Konzept zur Förderung bestimmter Fähigkeiten bei Kindern im Kindergarten. Hier wird zeitlich begrenzt auf das gesamte Spielzeug verzichtet inkl. Kuscheltiere und Malzeug. Die spielzeugfreie Zeit im Kindergarten kann über mehrere Wochen durchgezogen werden oder alternativ an jeweils einem festgelegten Tag pro Woche über das gesamte Jahr erfolgen.

In der spielzeugfreien Zeit gibt es für die Kinder im Kindergarten kein einziges vorgefertigtes Spielzeug und auch Dinge wie Buntstifte oder Farben für den Pinsel werden bei den meisten Realisierungen des Konzepts vorenthalten. Dafür dürfen alle Alltagsgegenstände und Fundstücke aus der Natur zum Spielen verwendet werden. Auch der Gebrauch von Werkzeug (unter Anleitung) und bestimmten Materialien zum Bauen wird oft auf Anfrage gestattet.

Die Kinder werden so dazu „gezwungen“, ihre Beschäftigung komplett neu zu denken und ohne die gewohnten Hilfsmittel eigene Spiele zu kreieren. Das soll vor allem durch den Austausch untereinander erfolgen.

In der spielzeugfreien Zeit sind die aufsehenden pädagogischen Kräfte bzw. die Erzieher*innen dazu angehalten, nur dann in das Spiel der Kinder einzugreifen, wenn dies absolut notwendig oder von den Kindern gewünscht ist. Sie sollen eine beobachtende und begleitende Position einnehmen und bei Bedarf Hilfestellungen geben.

Meist werden gleichzeitig die gewohnten Abläufe im Kindergarten ausgesetzt. Viele Unterstützer setzen sich beispielsweise dafür ein, feste Zeiten zum Essen oder Schlafen auszusetzen und den Kindern die Möglichkeit zu geben, dies bei Bedarf jederzeit zu machen. Gleichzeitig sollen die Kinder öfter raus in die Natur gehen können. Gewohnte Abläufe werden bewusst durchbrochen, damit die Kinder eigene Strategien entwickeln können, damit umzugehen.

Die spielzeugfreie Zeit wird mit den Kindern vor Beginn abgesprochen und umfangreich vorbereitet. Die Kinder dürfen vor Beginn auch dabei helfen, das Spielzeug wegzuräumen und zu „verabschieden“. Wichtig ist dabei auch auf die Sorgen und Ängste der Kinder einzugehen und ihnen klarzumachen, dass es sich nicht um eine Bestrafung handelt.

Gründe für und gegen spielzeugfreie Zeit

Die spielzeugfreie Zeit wurde in den 90ern von deutschen Experten entwickelt, die im Bereich Pädagogik und Suchtforschung arbeiteten. Laut ihnen sind Kinder von klein auf mit einer Welt des Konsums konfrontiert, in der die meisten Strukturen fest vorgegeben sind. Kinder würden daher viele wichtige Lebenskompetenzen nicht oder nur unzureichend erlernen.

Die spielzeugfreie Zeit soll das Erlernen dieser „verlorenen“ Kompetenzen ermöglichen, die selbstbestimmte Entwicklung der Kinder fördern und ihnen ein neues Bewusstsein für Konsum vermitteln, von dem sich die Forschenden unter anderem einen positiven Effekt auf Suchtprävention im Erwachsenenalter versprechen.

Befürworter des Konzepts fassen die Pro-Argumente meist wie folgt zusammen:

  • Förderung der Kreativität, Eigeninitiative, Entscheidungsfindung und von Problemlösestrategien
  • Förderung von sozialen Kompetenzen und Konfliktbewältigung durch den regen Austausch mit anderen Kindern
  • Kinder werden enabled, ihre eigenen Bedürfnisse besser zu erkennen und diese zu befriedigen
  • Kinder erfahren bereits früh das Konzept der Selbstbestimmung und Beteiligung
  • Ein Bewusstsein für Konsum wird etabliert

Als Contra-Argumente lassen sich oft die folgenden finden:

  • Ein höherer „Arbeitsaufwand“ für alle Beteiligten aufgrund der drastischen Änderungen, auf die die Kinder entsprechend vorbereitet werden müssen
  • Kinder können zur Kompensation mehr Spielzeuge zuhause nutzen
  • Es gibt kaum Möglichkeiten, bestimmte Aspekte der Entwicklung gezielt zu fördern wie beispielsweise für die Schule nötige Fertigkeiten oder solche, bei denen einzelne Kinder Schwächen zeigen
  • Widerspruch zu pädagogischen Konzepten, die auf Materialien bzw. Spielzeug setzen wie etwa Montessori
  • Kinder, die von sich aus schüchtern sind, können von den anderen „untergebuttert“ werden

Spielzeugfreie Zeit für zuhause?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die spielzeugfreie Zeit speziell für die pädagogische Arbeit in Kindergärten entwickelt wurde. Beispielsweise ist ein zentraler Bestandteil, dass die Kinder als Gruppe unter sich diskutieren und Möglichkeiten des Spielens erarbeiten können. Außerdem werden die Erzieher*innen entsprechend ausgebildet, diese Zeit möglichst konstruktiv zu begleiten.

Keinesfalls raten wir dir daher dazu, deinem Liebling einfach sein Spielzeug wegzunehmen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dies nicht akzeptiert wird und stattdessen als Strafe missverstanden wird.

Du kannst aber natürlich darüber nachdenken, auch für zuhause Aspekte der spielzeugfreien Zeit nach Möglichkeit einzubinden, um beispielsweise die Kreativität deines Nachwuchses zu fördern. Ihr könnt euch zum Beispiel gemeinsam überlegen, wie eine spielzeugfreie Zeit aussehen könnte und welche Spielmöglichkeiten sich für euch daraus ergeben.

Bedenke aber, dass selbst das nur in einem kleinen Rahmen funktionieren wird. Dein Kind hat sein Spielzeug schließlich liebgewonnen und möchte nicht ständig davon getrennt sein. Aber es kann eine nette Abwechslung sein, einmal komplett unabhängig davon Spiele zu entwickeln.

Der temporäre Verzicht auf Spielsachen kann außerdem ein guter Ansatzpunkt dafür sein, zu hinterfragen, wie viel Spielzeug eigentlich noch benötigt wird, und dieses entsprechend zu reduzieren. Wichtig sind also eine gute Kommunikation und die Fähigkeit, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Hast du Ideen, wie man spielzeugfreie Zeit zuhause gut einbinden kann? Dann schreibe uns gerne in die Kommentare!

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